Albrecht Dürer

Spätgotik/Renaissance

 

 

Eine „richtige“ Renaissance hat nördlich der Alpen nicht stattgefunden. Die Maler der Dürerzeit schufen einen Mix aus Renaissance und Spätgotik.

 

Den Beginn der Renaissance (frz.: „Wiedergeburt“, die Neuentdeckung der Antike) in Italien bestimmt man ungefähr auf das Jahr 1420. Die idealschöne menschliche Gestalt wurde das Hauptanliegen der Künstler. In Deutschland setzt man den Beginn der Renaissance sehr viel später an: etwa um 1500 oder noch später.

 

Nun begannen die deutschen Künstler zögerlich, die Errungenschaften der Italiener bei der Darstellung des menschlichen Körpers zu übernehmen. Und doch haftet der deutschen Malerei jener Zeit weiterhin etwas spätgotisches an, so dass sich Kunsthistoriker schon gefragt haben, ob man nördlich der Alpen überhaupt von einer richtigen Renaissance reden kann.

 

Hegel stellt fest, dass die altdeutschen Maler „mit großer Energie … Hässlichkeiten und Missgestaltungen hervorkehren.“ Er entdeckt in ihren Bildern „Gebärden der Wildheit und Zügellosigkeit“. Es wundert daher nicht, wenn Hegels Zeitgenosse Goethe sich nicht für die altdeutsche Malerei begeistern konnte und den Italienern den Vorzug gab.

 

 

Entkleidung Christi, Gemälde, Meister der Karlsruher Passion (Hans Hirtz?), um 1440

 

Dieses mittelalterlich spätgotische Element in der altdeutschen Malerei muss jedoch nicht als Mangel ansehen werden. Picasso vermisste bei den Italienern den Realismus, für den er die altdeutsche Malerei schätzte. Er kopierte Grünewald, Altdorfer und Cranach.

 

Daran, dass die Renaissance doch etwas über die Alpen schwappte, hatte Dürer mit seinen Italienreisen keinen geringen Anteil. An seiner Apokalypse, die er kurz nach seiner ersten Venedigreise schuf, ist der italienische Einfluss allerdings kaum zu erkennen. Die herben Gestalten auf den Apokalypseblättern sehen aus, als ob sie sich einem gotischen Schnitzaltar entwinden würden.

 

Zeitgleich dazu hat Dürer jedoch Kupferstiche geschaffen, die unter dem Einfluss der Antike stehen. Im Meerwunder von 1498 entführt ein Wassermann eine nackte Schöne. Der Situation ganz unangemessen lagert sich die Frau auf seinem Fischleib, wie Tizians Modelle sich auf einem Sofa räkeln. Eine richtige Renaissancekomposition. Der Kupferstich belegt außerdem Dürers Interesse an antiken Sagenstoffen.

 

Noch viel stärker der Renaissance verpflichtet ist Dürers Adam und Eva-Stich (1504). Hier sieht man kein Urelternpaar, das scheu durch einen wild verwachsenen Wald schleicht, sondern zwei akademische Proportionsstudien in strenger Frontansicht. Die „heimliche Bewegung“, die „von Form zu Form weitergeht“ (der Kunsthistoriker Wölfflin hat dieses Moment in der altdeutschen Kunst ausgemacht), ist in diesem Bild nicht zu finden.

 

Erst knapp zehn Jahre später gelingt Dürer die Symbiose aus der Renaissance und seinen gotischen Wurzeln: mit dem Ritter, Tod und Teufel (1513). Zwar kommt das Pferd wie ein italienisches Reiterstandbild daher, doch diesmal steigert die strenge Seitenansicht die Bildaussage – den standhaften Ritter. Die schroffen Felsen und die burlesken Figuren (Tod und Teufel) verleihen dem Bild eine unverwechselbare Stimmung. Ein mittelalterliches Bild, mit den Mitteln der Neuzeit gestaltet.