Hans Baldung Grien

Holzschnitte

 

 

In der Technik des Holzschnitts drängt sich ein Vergleich Baldungs mit Dürer förmlich auf. Baldungs Schraffuren sind meist ein wenig artig. Nicht an den wuchtigen frühen Stichen von Dürer orientiert er sich, sondern an den mehr akademisch glatten Blättern aus Dürers späteren Schaffensphasen. Dafür erstaunt Baldung durch seine Motive, ganz besonders durch den behexten Stallknecht.

 

 

„Der behexte Stallknecht“, Holzschnitt (ca. 1544)

 

Baldungs Stallknecht: Nähere Beschreibung des Bildes und hochaufgelöste Datei

 

Kann eine perspektivische Verkürzung einen verblüffenderen Effekt hervorrufen, als auf diesem Bild, dessen Motiv ungeklärt ist? Trotz seiner breiten, entenartigen Fußsohlen ist der Stallknecht umgekippt wie eine Spielfigur. Niedergestreckt vom Huftritt des Pferdes oder durch einen Zauberspruch der Hexe?

 

Unser Blick bleibt am Hosenlatz kleben, der Mode der damaligen Zeit entsprechend eine „Schamkapsel“. Hier zieht sie mehr den Blick auf das Geschlecht, als dass sie es verbirgt.

 

Es ist sicher kein Zufall, dass das Pferd gerade den Schweif zur Seite schlägt und die Sicht auf seinen After freigibt; dass die Hexe ihre Brust entblößt hat. Zwei Wesen aus unbewussteren Welten – der magischen und der animalischen – haben hier, so scheint es, über den Mann, den „Herrn der Schöpfung“, triumphiert.

 

 

„Aristoteles und Phyllis“, Holzschnitt (1513) – Kolorierung: Doblies

 

Dargestellt ist eine mittelalterliche Legende: Phyllis wird durch Aristoteles von ihrem Geliebten getrennt, bei dem es sich übrigens um Alexander den Großen handelt. Sie will sich dafür an Aristoteles rächen.

 

Sie betört den Philosophen und verlangt schließlich, dass er sie auf sich reiten lässt. Auf diese Weise beschämt sie ihn vor den Leuten am Hofe, die diese Szene beobachten.

 

Das Motiv war in der Dürerzeit beliebt. Es galt als eine Warnung vor Weibermacht, hat aber sicher untergründig auch pikante Phantasien bedient.

 

Baldungs Holzschnitt gibt die Szene besonders süffisant wieder. Sehr typisch für die Zeit ist, dass Baldung Phyllis nicht als grazile junge Frau darstellt, sondern als üppiges „gestandenes Weib“, das sich zu behaupten weiß.