Hieronymus Bosch

Der Garten der Lüste

 

 

Zahllose nackte Menschen haben sich in dieser Landschaft zwischen riesigen Früchten und seltsamen Gebilden zu rätselhaften Handlungen zusammengefunden. Das Bild ist die Mitteltafel eines Triptychons, also eines Flügelaltars, und somit ein sakrales Werk. Doch in welcher Kirche oder in welchem privaten Andachtsraum könnte dieser Altar aufgestellt werden?

 

 

„Der Garten der Lüste“ (um 1500), Mitteltafel des Triptychons

 

Lange Zeit wurde dieses Bild als Darstellung schändlicher Lüste interpretiert, bis der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger mit einer neuen Hypothese verblüffte:

 

Nach ihm ist dies ein Altarbild für eine Sekte, die Fraenger in den „Adamiten“ auszumachen können glaubte. Die Adamiten pflegten eine Art Urchristentum. Ihre Gottesdienste hielten sie nackt ab – eben wie Adam unbekleidet. Der menschliche Leib und die Sexualität wurde nicht verteufelt.

 

Bosch hat – so Fraenger – auf dieser Tafel die Lehren der Sekte in verständlichen Sinnbildern dargestellt. Verständlich für die Sektenmitglieder. Nur uns, die wir mit der Weltsicht und den Ritualen der Adamiten nicht vertraut sind, würden die Szenen rätselhaft vorkommen.

 

Begeistert von seiner Hypothese, verliert sich Fraenger in immer weitergehende Spekulationen, die möglicherweise überinterpretiert sind. Nichtsdestotrotz zeigen seine Theorien einen Weg zum Verständnis dieses Werkes auf.

 

Wer unvoreingenommen dieses Bild betrachtet, wird keineswegs schändliche Lüste zu sehen glauben. Ja, vielleicht noch nicht einmal Lüste. Der Garten der Lüste ist von einer friedlichen Atmosphäre erfüllt, zeigt scheinbar einen paradiesischen Zustand.

 

Allerdings ist rechts von der Mitteltafel auf dem Seitenflügel des Triptychons eine Art Hölle dargestellt. Nach älterer Interpretation der verdiente Lohn für die Schändlichkeiten im Garten, nach Fraengers Theorie ein Gegenbild zu dem adamitischen Paradies:

 

 

„Baummensch“, rechter Seitenflügel des Triptychons, Detail

 

Im Mittelpunkt des Höllenflügels befindet sich ein Gesicht, das sinnend auf seinen seltsamen Körper blickt. Der Leib ist ein geborstenes Ei, das auf Beinen aus toten Baumstämmen steht.

 

In diesem Eierleib ist eine Schenke zu sehen, ein Teufelswirtshaus. Wenig froh starrt ein Mann heraus, wenig froh steigt ein anderer mit einem Pfeil im Hintern die Leiter zur Öffnung hinan.

 

Der Baummensch scheint über sein Inneres, in dem es wie in einer Schenke zugeht, nachzudenken. Oder er sinniert über die sich ewig neu schaffende Welt (das Ei als Symbol des entstehenden Lebens), die aber zum Bösen verkommen ist.

 

Man hat vermutet, dass es sich hier um ein Selbstbildnis von Bosch ohne besondere Gesichtsähnlichkeit handelt. In der Tat drängt sich dieser Gedanke auf. Denn wer sonst als der Maler könnte hier nachsinnen, wenn man nicht gerade der These Fraengers folgen will, dass hier der Stifter des Triptychons abgebildet ist, der nach Fraenger ein Großmeister der Adamiten war und auch die Ikonografie des Bildes festgelegt hat.