Matthias Grünewald

Zeichnungen

 

 

Von Matthias Grünewald gibt es weder Holzschnitte noch Kupferstiche. Das ist erstaunlich, übten sich doch viele Künstler der Zeit in diesen Techniken, durch die ihre Kunst eine größere Verbreitung finden konnte. Auch verhältnismäßig wenige Zeichnungen hat Grünewald hinterlassen, vergleicht man den Bestand z. B. mit Dürers zeichnerisches Werk.

 

 

Kopfstudie eines Schreienden (um 1520), schwarze Kreide, weiß gehöht

 

Diese Zeichnung wird auch als Kopfstudie eines schreienden Kindes bezeichnet. Angesichts des Doppelkinns ist dies recht unwahrscheinlich. Nur das Stupsnäschen spricht für ein Kind.

 

Auch über eine vielleicht geplante Verwendung der Zeichnung als Vorlage für einen weinenden oder schreienden Engel (z. B. in einer Passionsszene) wurde nachgedacht. Dies bleibt jedoch Spekulation.

 

Im äußersten Gefühlsausbruch ist der Kopf zurückgeworfen. Der Mund eine dunkle, ragende Höhle, aus der ein gellender Schmerzensschrei entfährt! Oder ein Wutschrei! Durch die wulstigen Backen und das fliehende Kinn hat Grünewald den Ausdruck gesteigert.

 

Dass er sich über die Wirkung der Gesichtskontur genau Rechenschaft ablegte, ist an einer sehr ähnlichen Zeichnung zu sehen, auf der er zunächst mit einer Hilfslinie eine normalere Gesichtskontur probierte, um das Antlitz schließlich doch gewaltig einzudellen.

 

 

Das Dreigesicht (um 1525), schwarze Kreide

 

Sehr viel mehr Fragen wirft diese Zeichnung auf. Für Deutungsversuch wird man zunächst bei dem doppelköpfigen Janus einen Anknüpfungspunkt suchen, um dann festzustellen, dass es in der Kunst auch Dreigesichter gibt: Z. B. wurde die heilige Dreifaltigkeit nicht nur als Trias von Gott, Sohn und Taube dargestellt, sondern auch – selten zwar – als dreiköpfiger Christus.

 

Doch alles dies hilft bei Grünewalds Dreigesicht nicht weiter. Zwar skizziert er um die Köpfe Strahlen (ein Heiligenschein?), doch um welche heilige Triade soll es sich handeln? Zumal die Köpfe alles andere als heilig wirken: besonders das Gesicht links macht einen tumben Eindruck.

 

In der neueren Forschung wird eine Verbindung zu einer 1520 erschienenen Kampfschrift des Ulrich von Hutten vermutet. Danach würden die Gesichter die Unkeuschheit, den Geiz und die Hoffart (den Hochmut) darstellen.