Meisters HL

Ab 1520 geht die Dürerzeit zur Neige und treibt eine letzte, seltsame Blüte hervor: die Spätgotik mit ihren wirbelnden und verwickelten Formen. Paradestücke dieses Stils sind die Werke des Meisters HL, der Breisacher Altar und der Niederrotweiler Altar. Die beiden Schnitzaltäre zeigen eine Krönung Marias im expressiven spätgotischen Stil.

 

Besondere Beachtung verdienen die Reliefs auf den Seitenflügeln des Niederrotweiler Altars. Sie zeigen u. a. eine Seelenwägung und Michaels Kampf mit dem Drachen. Hierbei bezieht sich der Bildhauer, der geheimnisvolle Meister HL, auf Dürers Holzschnitt mit dem gleichen Thema. HL übernimmt Dürers Komposition spiegelbildlich.

 

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Michaels Kampf, Relief, rechter Flügel des Niederrotweiler Altars

 

Auf der linken Seite des Reliefs bewegt sich Meister HL noch in verhältnismäßig konventionellen Bahnen. Ein Engel schlägt mit einem sehr breiten Schwert auf die Teufelsbrut ein. In seiner anderen Hand hält er einen Stab, in den sich ein Monsterkopf verbissen hat. Darunter ist ein Fischschwanz zu sehen: Die Geister, die hier aus dem Himmel vertrieben werden, gehören den verschiedensten Elementen an.

 

Rechts verblüfft das aufgeschwemmte Gesicht eines Mannes. Auch er gehört offensichtlich zur Rotte der aufrührerischen Engel, denn ein Mitstreiter Michaels hat ihn am Schopf ergriffen und schlägt mit einem Fleischerbeil zu. An der Stirn klafft bereits eine tiefe Wunde. Kurios ist der winzige Gottvater über Michaels Haupt. Er schaut aus der Ferne (deshalb klein) dem Kampfe zu und ballt die Hände zu Fäusten, um seine Heerscharen anzufeuern.

 

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Rechter Flügel des Niederrotweiler Altars, Detail

 

Dies haben seine Engel auch nötig. Ein ganz unheimlicher Gegner muss bezwungen werden. Michael sticht mit einem zweizackigen Spieß auf ein Wesen ein, das jeder Beschreibung spottet. Unter den Füßen des Engels krümmt sich ein Rücken mit stark vortretender Wirbelsäule. An diesen Leib sind sehr kurze Arme mit riesigen Händen angesetzt. Sehr welke weibliche Brüste hängen zum Rücken herab. Da, wo man bei diesem anatomischen Ungetüm noch am ehesten den Kopf vermutet, befindet sich eine Art Fledermausmaske.

 

Auf dem linken Flügel des Niederrotweiler Altars hat Meister HL eine Seelenwägung dargestellt: Ein rüsselnasiger Teufel klammert sich an die Waagschale mit dem Gewicht, damit die Seele als zu leicht befunden wird. Vergebens. Die Seele, dargestellt als Kind, wiegt schwerer und lässt sich auch vom Teufelsschwanz, der sie umringt, nicht beeindrucken.

 

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Seelenwägung, Relief, rechter Flügel des Niederrotweiler Altars

 

Aus einer großen Wunde an der Seite des Teufels – zugefügt von einem Engel mit gezacktem Säbel – quillt Gedärm. Ist dies ein Gegenbild zu Christus, der am Kreuz im Allgemeinen mit einer Speerwunde an der Seite dargestellt wird, also ein „Gegenchristus“, der Antichrist?

 

Packend ist die Komposition des Reliefs, die von diagonalen Linien durchschnitten wird: dem Balken der Waage und dem Leib des kopfüber hängenden Teufels. Kraftlinien, zwischen denen sich Gewandfalten und andere Elemente kräuseln, als gelte es, alle Leerflächen restlos zu füllen.

 

Der unbekannte Schöpfer dieser Reliefs hat seine Altäre mit den Initialen HL signiert. Die Kunstgeschichtsschreibung bringt HL mit Hans Loy, einem Freiburger Künstler, in Verbindung. Da aber über das Leben des Hans Loy kaum etwas bekannt ist, gewinnt man damit wenig. Meister HL oder Hans Loy bleibt im Dunkel der Geschichte.

 

Das Phänomen Spätgotik / Protobarock

Beim Meister HL und seinen Zeitgenossen wuchern die Formen in spätgotischer Manier den Bildraum voll. Dies verblüfft, denn es war damals erst knapp zwei Jahrzehnte her, dass die Künstler nördlich der Alpen die Errungenschaften der italienischen Renaissance aufgenommen und damit einen gegenteiligen Weg beschritten hatten. Der Figur im Bild wurde Raum gegeben, die Gewandfalten – in der Gotik oftmals mehr Ornament als realer Faltenwurf – sollten nun den Körper darunter ahnen lassen.

 

Die Künstler hatten die gotische Manier fortgejagt – jetzt kehrte sie zur Hintertür unverhofft zurück. Besonders in geschnitzten Werken bauschen sich um 1520/30 die Gewänder, als ob ein Sturm sie ergriffen hätte. Meister HL durchflügt seine Reliefs am Niederrotweiler Altar mit Falten voller Eigenleben, ein Wirrsal aus Linien und Strudeln, aber doch geordnet wie die Gleise eines Rangierbahnhofs. Entfernt erinnert dieses Vorgehen an die Schnitzkunst der alten Wikinger mit ihren Flechtbändern, wie dies an der Stabkirche von Urnes zu sehen ist. Den aufgewühlten Stil der Schnitzaltäre um 1530 hat man auch den spätgotischen Protobarock getauft, ein Wortungetüm, das aber immerhin zeigt, dass diesem Stil bereits ein barockes Element anhaftet. Der Barock sollte bald in ganz Europa vorherrschen.

 

Mit der spätgotischen, bzw. der altdeutschen Kunst ging es bald nach der Erstellung dieser Altarschreine zu Ende. Teilweise blieben bedingt durch Reformation und Bildersturm die kirchlichen Aufträge aus, teilweise bleibt es unerklärlich, warum sich nach der Flut an Begabungen zur Dürerzeit kurz darauf eine künstlerische Ebbe einstellte. Ab 1618 verheerte dann der 30-jährige Krieg das Land und die Kriegswirren besiegelten endgültig das Ende einer Epoche.