Tiermenschen und Wilde Männer

Bei der Buße des Hl. Chrysostomus geht es nicht zuletzt um die Grenze zwischen Mensch und Tier. Der Heilige verhält sich gegenüber der Prinzessin wie ein Tier – vermeint er zumindest – und büßt dies, indem er wie ein Tier auf allen Vieren läuft. Hierbei wird er immer tierähnlicher. Die Jäger, die ihn aufspüren, erkennen in ihm keinen Menschen mehr.

 

Eine solche Tierähnlichkeit ist in den alten Heiligenlegenden aber nicht immer zwingend negativ konnotiert. Maria Magdalena lebte der Legende nach 30 Jahre als Einsiedlerin in der Wildnis. Täglich wurde sie von Engeln in den Himmel gehoben und dort durch das Hören der Lobgesänge gespeist. Irdische Nahrung und auch Kleidung brauchte sie nicht mehr. Auf manchen Bildern ist ihre Nacktheit durch ihr langes wallendes Haupthaar verhüllt. Andere Darstellungen – wie dieser Schnitzaltar von Tilmann Riemenschneider – gehen sogar soweit, sie mit einem Fell zu versehen.

 

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Tilmann Riemenschneider: Altar für die Kirche St. Maria Magdalena in Münnerstadt

 

Sie ist wie Chrysostomus in der Wildnis einem Tier ähnlich geworden. Im Gegensatz zu ihm aber zu ihrem Schutz: vor der Kälte und wohl auch vor etwaigen Männerblicken. Der Bildhauer versäumt allerdings nicht, ihre Brust neckischerweise haarfrei zu halten. Liegt der Reiz dieser Heiligen doch nicht zuletzt in ihrem Vorleben als große Sünderin. Ihre Knie sind kahl dargestellt, weil sie ihr Eremitendasein kniend im Gebet zugebracht hat.

 

Dass ein Mensch ganz zum Tier mutieren kann, konnten die Künstler in der Bibel lesen, im Buch Daniel. Nebukadnezar wird für seinen Hochmut von Gott gestraft: Er isst Gras wie die Ochsen, sein Haar wächst so lang wie Adlerfedern (ein etwas irritierender Vergleich), seine Nägel werden wie Vogelklauen (Dan. 4,30). Fast schon ein wenig erstaunlich, dass wir hierzu kein bedeutendes Bild aus der Dürerzeit haben. Erst William Blake (1757 – 1827) gestaltet in der Romantik diese Szene eindrucksvoll.

 

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William Blake: Nebukadnezar

 

Dafür haben wir von Dürers Zeitgenossen Lucas Cranach einen Holzschnitt mit der Darstellung eines Werwolfs. Auf allen Vieren kriecht der Mann, nachdem er Menschen gerissen hat, zurück in den Wald. Ob er unter dem Einfluss des Mondes zum Wolf geworden ist, bleibt offen. Die Kleidung am Leib des Werwolfs macht aber deutlich, dass dieser Mann der Zivilisation angehörte, nun jedoch ins Tierstadium zurückgefallen ist.

 

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Lucas Cranach: Werwolf

 

Letzteres trifft auf den „Wilden Mann“, einem beliebten Motiv der Dürerzeit aus dem Grenzbereich Mensch/Tier, nicht zu. Der Wilde Mann ist kein Rückfall ins Tierstadium sondern ein Bindeglied zwischen Mensch und Tier: Die heutige Vorstellung vom Steinzeitmenschen überschneidet sich in gewisser Weise mit dem Wilden Mann auf altdeutschen Bildern – vom behaarten Körper bis zur Keule.

 

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Martin Schongauer: Wilder Mann als Wappenhalter

 

Auch wenn Dürer und seine Zeitgenossen sicher nicht die biblische Schöpfungsgeschichte in Zweifel ziehen wollten, hatten sie doch die Vorstellung von einer Art „Urmensch“, eine weniger entwickelte Spezies Mensch, die in undurchdringlichen Wäldern lebte. Und intuitiv die Ahnung, dass die Körperbehaarung das Überbleibsel eines ursprünglichen Fells ist.

 

Auf den Seitenflügeln zum Portrait des Oswolt Krel stellt Dürer zwei (nach dem Vorbild Schongauers) etwas magere Wilde Männer als Wappenhalter dar.

 

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Albrecht Dürer: Oswolt Krel, flankiert von Wilden Männern, Details

 

Das Hauptmotiv, Oswolt Krel, ist übrigens ein so genanntes „zorniges Portrait“, eine Darstellungsweise, wie sie Dürer öfter gewählt hat: Der Portraitierte hat Zornesfalten an der Nasenwurzel, wohl weniger aus Grimm, sondern vielmehr als Ausdruck seines energischen Charakters. Eine Wohltat, wenn man an das obligatorische Lächeln auf heutigen Portraitfotos denkt.

 

Einen beeindruckenderen Wilden Mann stellt Dürer auf seinem Wappen des Todes dar. Dieser erkühnt sich sogar, eine elegant gekleidete Frau zu küssen.

 

Auf allen diesen Bildern ist der Wilde Mann zum Wappenhalter degradiert. Eine größere Rolle spielt er auf einer Zeichnung von Hans Burgkmair. Burgkmair führt uns den Wilden Mann in seinem Umfeld und in einer Geschichte vor Augen: im Kampf mit einem Ritter. Drei schlecht gewappnete Männer hat der hühnenhafte Wilde schon niedergestreckt. Hier streitet die unbezähmte Natur wieder die Zivilisation.

 

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Hans Burgkmair: Kampf im Wald, Ritter und Wilder Mann

 

Die Grenze zwischen Mensch und Tier erweist sich auf allen diesen Motiven also als sehr durchlässig oder kaum vorhanden. Eine Einsicht, die schon der Prediger Salomo in Kapitel 7, Vers 19 formuliert hat: „… und der Mensch hat nichts mehr, denn das Vieh; denn alles ist eitel.“