Vier Tiere voll Augen

„Und vor dem Stuhl (Gottes Thron) war ein gläsernes Meer, gleich dem Crystall [sic]; und mitten im Stuhl und um den Stuhl vier Thiere, voll Augen, vornen und hinten.“ Offb. 4, 6 / Lutherbibel von 1841

 

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Auf den beiden Holzschnitten aus Dürers Apokalypse, Johannes vor Gott und den Ältesten und Der Lobgesang der Auserwählten, ruht die Handlung, in der ansonsten das Weltende rasant vorangetrieben wird, das eine Mal, weil sie noch nicht richtig in Gang gekommen ist, das andere Mal, weil die Auserwählten in Erwartung des absehbaren Happy Ends ein Loblied anstimmen.

 

Aus den mit Details überfüllten Bildern stechen – man möchte scherzhaft behaupten – genmanipulierte Tiere hervor: Ein Lamm mit, wie es im Text heißt, sieben Hörnern und sieben Augen. Und vier Tiere mit je sechs Flügeln und mit Augen übersäht.

 

 

Sieben Hörner, sieben Augen, sechs Flügel … Dürer nimmt die Zahlenspiele des Textes ernst, auch wenn dies zu den seltsamsten Kreaturen führt. Er rechnet damit, dass man nachzählt. So stellt er auch die Ältesten nicht als diffuse Menge dar, sondern zeichnet auf beiden Blättern genau wie vom Text gefordert 24 Älteste, zwölf auf der linken und zwölf auf der rechten Seite.

 

Doch zurück zu den vier Tieren, die das Lamm umgeben. Eins gleicht einem Löwen, eins einem Kalb, das dritte hat ein „Antlitz wie ein Mensch“, und das vierte gleicht einem Adler.

 

Wir kennen diese Wesen als Evangelistensymbole: Mensch für Matthäus, Löwe für Markus, Stier für Lukas, Adler für Johannes.

 

 

Interessant ist allerdings auch eine astrologische Deutung von Bruce J. Malina (Buch: Die Offenbarung des Johannes, Sternvisionen und Himmelsreisen), der in den zahlreichen Augen Sterne sieht und insofern in den vier Tieren vier Sternbilder.

 

Malina bezieht sich auf Franz Boll (1867 – 1924), Philologe und Astrologiehistoriker, der die vier Tiere als die „vier babylonischen Sternbilder der Jahreszeiten“ beschreibt: als Skorpion-Mann mit einem menschlichen Gesicht (insofern als Tier mit einem „Antlitz wie ein Mensch“), als die Sternbilder Löwe und Stier, und als ein fliegendes Wesen, mal von Malina/Boll als Pegasus, mal als „Donnervogel“ bezeichnet. Woraus der Verfasser der Apokalypse dann – sollte die Hypothese richtig sein – einen Adler gemacht hat.

 

Skorpionmenschen kommen auf mesopotamischen Reliefs und auf Rollsiegeln vor. Im Gilgamesch-Epos bewacht ein Skorpionmenschenpaar im Gebirge Maschu am Ende der Erde den „Aus- und Eingang der Sonne“ (Tafel 9).

 

Skorpionmann, Rekonstruktionszeichnung, frei nach einem Rollsiegel

 

Vielleicht leiten sich von solchen Skorpionmenschen auch die gepanzerten Heuschrecken in Offb. 9 ab, die Menschengesichter und Schwänze mit Stacheln wie Skorpione haben.

 

 

Die Heuschrecken mit Menschengesichtern und Skorpionschwänzen, Lukas Cranach, Werkstatt, Holzschnitt zum Neuen Testament, Offb. 9

 

Möglicherweise wurzeln die vier Tiere um Gottes Thron zugleich/zusätzlich in babylonischen Planetengöttern (Löwe: Kriegsgott Nergal, Adler: Windgott Ninurta, Stier: babylonischer Stadtgott Marduk, Mensch: Weiheitsgott Nabu. Sie wären dann ggf. auch die Hüter der Weltecken und die Träger des Himmelsgewölbes.

 

Solche Bezüge zwischen der Apokalypse und altorientalischen Mythen sind schon sehr interessant. Es soll hier aber keineswegs behauptet werden, dass diese Herleitungen gesichert sind. Es bleiben Spekulationen.

 

Eine gänzlich andere und recht originelle Deutung der vier Tiere stammt von dem barocken Gelehrten Christian Knorr von Rosenroth (1636 – 89), der in seinem Apokalypse-Kommentar behauptet (leider ohne es zu belegen), dass die Tiere die Feldzeichen des israelitischen Heeres waren. Im Text der Apokalypse fungieren diese Feldzeichen nach Knorr nun als die der himmlischen Heerscharen („Thiere pflegen Regimenter zu bedeuten“). Die vielen Augen würden demnach die „große Menge der himmlischen Soldaten“ andeuten. Knorrs Deutung hätte Dürer sicher mehr zugesagt als die obigen Herleitungen aus einem heidnischen, babylonischen Mythus.

 

Von einem seltsamen Reiz ist Dürers herbe Darstellung der Szenen: Die Ältesten haben zwar Kronen von erlesener Goldschmiedearbeit (Dürers Vater war Goldschmied), müssen aber im Himmel auf harten Holzbänken sitzen. Und die Auserwählten blicken sauertöpfisch drein, während sie doch laut Text jubilierend ein Triumphlied anstimmen.

 

 

Das ist eine Eigentümlichkeit der Dürerzeit: Man erhoffte nicht viel, auch nicht vom Himmelreich. Die Abwesenheit von Mangel und Not galt schon als paradiesischer Zustand. Von der Befindlichkeit späterer Epochen, etwa dem Sinn des Rokokos für Eleganz, Leichtigkeit, Anmut und Kitsch, war man – zum Glück für einen Kunstliebhaber, der Kunst mit Ecken und Kanten liebt – Lichtjahre entfernt.

 

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