Weiberlist und Weibermacht

Künstler nördlich der Alpen entdecken die dunkle Seite der Weiblichkeit

 

Michelangelo malte eine Judith und Tizian eine Salome – und doch hat sich die italienische Renaissance nie so exzessiv mit den Themen Weiberlist und Weibermacht beschäftigt, wie die Künstler nördlich der Alpen. Die dunkle Seite der Frau auszuleuchten und damit ein eigenes Genre zu schaffen, blieb ihnen vorbehalten.

 

Lucas Cranach der Ältere wird für seine Absicht, ein sehr spezielles Geschlechterverhältnis darzustellen, fündig im griechisch-römischen Sagenkreis: Herkules diente einige Zeit lang der Königin Omphale als Sklave und wird von ihr geheiratet. Durch das luxuriöse Leben verweichlicht der Held, spinnt Wolle und zieht Frauenkleider an. Auf Cranachs Gemälde haben die Gespielinnen der Omphale sehr viel Vergnügen daran, den Helden, der aus Verliebtheit alles mitmacht, wie eine Magd auszustaffieren.

 

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Lucas Cranach der Ältere: Herkules bei Omphale

 

Eine größere Fundgrube für solche Themen ist die Bibel. Cranach malt Judith mit dem Haupt des Holofernes, Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers und Simson und Delila. Interessant ist, dass er die positive Figur Judith (sie rettete das Volk Israel vor einem Tyrannen) ganz ähnlich wie das ausgesprochene Miststück Salome (sie ließ den Täufer enthaupten) darstellt.

 

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Lucas Cranach der Ältere: Judith, Salome und Simson und Delila

 

Offensichtlich war Cranach bei Judith nicht an einer weiblichen Heldin interessiert, sondern an dem krassen Kontrast zwischen der grausigen Tat und dem unschuldigen Engelsgesicht. Seine Judith hat es – wie Salome – faustdick hinter ihren hübschen Ohren.

 

Ebenso seine Delila, hier allerdings im Einklang mit der biblischen Geschichte, denn im Gegensatz zur Judith ist Delila ein perfides Persönchen. Das Bild ist ein unverkennbarer Cranach: wie Delila sich püppchenhaft lächelnd und zutraulich ihrem Gatten zuneigt und ihm mit einer kleinen Schere die Locken wegschnippt – wodurch er seine Kraft verliert, in die Hände der Philister fällt und geblendet wird. Die Szene wirkt zutraulich und maliziös zugleich, ein ganz süßes Gift, das Cranach da bereitet, mit einem guten Schuss seiner pikanten Erotik.

 

Die zugrunde liegende biblische Episode in der Tat äußerst pikant. Viermal versucht Delila ihrem Mann Simson das Geheimnis seiner übernatürlichen Kraft zu entlocken. Dreimal lügt Simson, ahnend, dass seine Frau Böses im Schilde führt, und entkommt so der Falle. Warum trennt er sich nicht von ihr? Warum sagt er ihr beim vierten Mal die Wahrheit und besiegelt so sein Schicksal? hans-baldung-grien-judithEr scheint ihr hörig zu sein, und auch etwas todessehnsüchtig. Oder will die Erzählung (Richter 16, 4 – 21) sagen, dass er durch ihre Fragerei zermürbt und ihrer List nicht gewachsen ist? „Da sie ihn aber trieb mit ihren Worten alle Tage, und zerplagte ihn; ward seine Seele matt, bis an dem Tod“, heißt es in Vers 16.

 

Doch zurück zu Judith. Auch Hans Baldung Grien nimmt sich des Themas an. Seine Judith ist „von anderen Eltern“ als Cranachs, keine Puppe, sondern in Haltung und Mimik durchaus eine würdige Heldin des Alten Testaments.

 

Aber auch Baldung geht es nicht darum, die Retterin Israels darzustellen. Auch seine Judith ist in erster Linie eine femme fatale, die den Mann verführt und „kastriert“ – so würden Psychoanalytiker wohl die Szene deuten.

 

Hierzu verändert Baldung die Geschichte. Im Buch Judith erfährt man, dass sich der assyrische Feldherr Holofernes beim Gastmahl mit Judith so betrinkt, dass er sein Vorhaben, sie nicht „unbeschlafen“ von sich gehen zu lassen, nicht ausführen kann und gleich nach dem Mahl einschläft.

 

Baldung stellt Judith aber nackt dar, als ob die Sache immerhin bis zum Vorspiel gediehen ist. Dass es nicht zum Äußersten gekommen ist – eine Vermutung, die Judiths Nacktheit nahelegt –, soll wohl die künstlich verschränkte Haltung der Beine andeuten.

 

Auch in anderen Werken widmet sich Baldung der Weibermacht. Von ihm stammt die interessanteste Fassung des Motivs „Aristoteles und Phyllis“, auf dem der weise Aristoteles zum Reittier der Frau und zum Gespött der Leute wird. Siehe bei Baldung Holzschnitte.

 

hans-sebald-beham-judith-mit-dem-haupt-holofernesHans Sebald Beham wandelt bei seiner Darstellung der Judith auf den Spuren Baldungs. Auch er stellt Judith in Abweichung zur Geschichte nackt dar.

 

Ansonsten bleibt er etwas näher an der Erzählung. Seine Judith schreitet kraftvoll voran, eine Megäre, eine alttestamentarische Rachegöttin mit finsterem Blick.

 

Ist sie als Heldin und Retterin zu bewundern, oder als Mannweib zu fürchten? Auf diesem Wege wird Anfang des 20. Jh Gutav Klimt weiterschreiten, und eine barbusige Judith malen, die denn auch oft als Salome angesehen wurde.

 

Salome ist im Gegensatz zur Judith ganz gewiss zu fürchten, sie ist die eigentliche femme fatale der Bibel. Der geheimnisvolle Meister HL stellt auf dem linken Flügel seines Niederrotweiler Altars die Taufe Jesu dar, auf dem rechten die Enthauptung des Täufers. Bizarr ist, dass Salome fast in der Haltung einer Maria das Haupt des Johannes aus der Hand des Henkers empfängt. Links oben ist sie ein zweites Mal zu sehen und strebt – passender zu ihrem Charakter – in wildem Tanze aus dem Relief. Rechts oben sind Herodes und Herodias, Salomes Mutter, abgebildet. Sie rät ihrer Tochter, von Herodes für den Tanz das Haupt des Johannes zu fordern. Hinter dem mächtigen Mann steht als schlimme Ratgeberin seine Frau.

 

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Meister HL: Die Enthauptung Johannes des Täufers, Niederrotweiler Altar, rechter Flügel, Detail

 

Mit ihrer Faszination an Salome überbrücken die altdeutschen Maler drei Jahrhunderte: In der 2. Hälfte des 19. Jh bis ins 20. Jh hinein faszinierte Salome die Künstler: Genannt seien hier beispielhaft Oskar Wildes Salome, Richard Strauss’ gleichnamige Oper, und die Bilder von Gustave Moreau, Franz von Stuck und dem Jugendstilkünstler Aubrey Beardsley.

 

Suchten die Künstler in der Bibel nach Frauen, die einen mächtigen Mann manipulierten, wurden sie auch im 1. Buch der Könige fündig. Erstaunliches ist hier über König Salomo zu lesen, von dem man sonst gemeinhin nur weiß, dass er weise war und den Tempel erbauen ließ: Er liebte sie alle, die Frauen, und vor allem die ausländischen. Die Tochter des Pharaos und moabitische, ammonitische, edomitische, sidonische und hethitische Frauen (1. Kön. 11, 1) gehörten zu seinem Harem. Salomo hatte 700 Weiber und 300 Kebsweiber (Nebenfrauen).

 

lucas-van-leyden-salomos-goetzendienstAls der König alt war, „neigten die Weiber sein Herz fremden Göttern nach“.

 

Dieses Motiv,
Salomos Götzendienst,
gestaltet Lucas van Leyden, die „niederländische Antwort auf Albrecht Dürer“ als Kupferstich. Eine der Frauen zeigt dem untertänig knienden König mit befehlender Geste den Götzen, den er anbeten soll.

 

Nicht die Exotik der Frauen Salomos oder ihre Vielzahl steht für den Stecher im Vordergrund – diese eine Frau könnte auch eine niederländische Ehefrau sein –, sondern das Machtverhältnis zwischen Mann und Frau.

 

Das Götzenbild ist übrigens kein historisch einigermaßen korrekter Moloch, wie man es inhaltlich erwarten würde, sondern entsprechend der Begeisterung der damaligen Zeit für die griechische Antike eine griechisch anmutende Skulptur.

 

Ein anderes Motiv, der gleiche Künstler: Lot und seine Töchter. Lot ist mit seinen Töchtern aus Sodom geflohen. Rechts im Hintergrund geht die Stadt gerade in Flammen auf. Die Töchter, Nachwuchs ersehnend, machen im Ödland in Ermangelung anderer Männer ihren Vater betrunken, um mit ihm den Beischlaf zu vollziehen.

 

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Lucas van Leyden gestaltet dieses Motiv mehrfach, z. B. auf einem Gemälde, etwa aus dem Jahr 1509, und auf diesem Stich aus dem Jahr 1530.

 

Auf dem Stich stehen die Karaffen und der Weinkelch im Mittelpunkt der Darstellung: sie bilden die Mittelachse des Bildes. Von dieser durchaus reizvollen Kompositionsidee und dem intriganten Seitenblick der Tochter links abgesehen, nutzt der Künstler hier das Motiv nur, um Aktfiguren als Renaissance-Komposition zu präsentieren. Das grafische Spätwerk Lucas van Leydens, zu dem auch dieses Blatt gehört, wirkt kühl und belanglos. Allzu sehr hatte sich der in seiner Jugend originelle Künstler in seinen späteren Jahren dem Zeitgeschmack angepasst.

 

Sehr viel frappierender ist das Motiv denn auch von Albrecht Altdorfer gestaltet worden. Altdorfer trägt dem Rechnung, dass hier Ungeheuerliches, Unerhörtes vorgeht.

 

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Albrecht Altdorfer: Lot und seine Töchter

 

Der Sinn dieser Erzählung ist jedoch komplexer: Aus der inzestuösen Verbindung entstehen die Völker der Moabiter und Ammoniter. Sie stammen also gleichzeitig aus dem selben Geschlecht wie Abraham (Lot ist sein Neffe), aber auch aus einer verbotenen Verbindung. Dadurch kann Positives und Negatives erklärt werden: Dass die Moabiterin Ruth die Urgroßmutter König Davids ist (siehe Buch Ruth), aber auch, dass die Israeliten immer wieder in Konflikt mit den Moabitern und Ammonitern gerieten (siehe z. B. Richter 3, 12 – 31).

 

Inwiefern kann dies einen deutschen Maler des 16. Jh beschäftigen? Altdorfer dürfte sich kaum für diese verwickelten Verhältnisse interessiert haben, sondern vielmehr dafür: Dass Lots Töchter ganz ungehemmt und mit allen Mitteln ihr Ziel, schwanger zu werden, verfolgen. Und dass Lot sich in seiner Trunkenheit und Gier nicht bremsen kann.

 

Das Sujet entspricht nicht Altdorfers Talent. Seine Stärke ist die Darstellung urwüchsiger Vegetation, hier beschränkt auf die dunklen Baumstämme im Hintergrund mit dem dazwischen aufblitzenden Laub. Die Anatomie der lebensgroßen Figuren ist Altdorfer, wie so oft in seinem Werk zu sehen, hölzern geraten.

 

Faszinierend ist jedoch das Drastische der Darstellung, wahrlich würdig für eine alttestamentarische Szene mit den ungehobelten, ungezähmten Helden der grauen Vorzeit. Lots Mimik ist fast bis zur Karikatur verzehrt. Seine Tochter liegt nicht vor ihm auf dem Boden, sondern – dies erkennt man erst auf dem zweiten Blick – sitzt auf seinem Schoß. Eine Haltung, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Man wundert sich, dass dieses Gemälde nicht die damaligen Sittenwächter auf den Plan gerufen hat.

 

altdorfer-jael-und-siseraAuch für sein grafisches Werk schöpft Albrecht Altdorfer aus dem Alten Testament. Sein hier abgebildeter Holzschnitt zeigt
Jael und Sisera
(Richter 4,17 – 23).

 

Jael gewährt dem flüchtigen Hauptmann Sisera in ihrer Hütte Unterschlupf, schlägt ihm im Schlaf aber einen Nagel durch die Schläfe. Eine heimtückische Tat. Dennoch gilt sie als eine Heldin, da sie aus Sicht des Erzählers der Episode auf der richtigen Seite steht.

 

Altdorfer verlegt die Szene in die freie Natur vor einer Stadtmauer. Wieder gelingen ihm die kalligrafischen Linien des Laubes besser als die beiden menschlichen Figuren.

 

Dennoch berührt der Holzschnitt auf seltsame Weise. Sisera streckt dem Betrachter seine entenartig beschuhten Fußsohlen entgegen. Der Blick des Betrachters wird durch die perspektivisch verkürzten Beine auf seine Schamkapsel geführt, als wolle Altdorfer unterstreichen, dass hier ein Mann einer Frau unterliegt. Gleichzeitig ist dies fast ein Vorgriff auf Baldungs Behexten Stallknecht.

 

Jael ist im Kontrast zur Szene ganz putzig dargestellt. Man meint, eine brave Frau bei der Hausarbeit zu sehen. Emsig schickt sie sich mit anmutig schräg gestelltem Kopf an, den Nagel in Siseras Stirn zu schlagen, als wolle sie lediglich einen Zeltpflock in den Boden treiben. Man fühlt sich an Cranachs Judith und Salome (siehe oben) erinnert, die mit graziler Geste und huldvollem Blick ein abgeschlagenes Haupt halten.

 

Abschließend darf man wohl die Frage stellen (und unbeantwortet lassen), ob alle diese Bilder lediglich eine Warnung vor Weiberlist und -macht sein sollten, oder ob die Künstler nicht vielmehr von der vermeintlich so amoralischen Frau fasziniert waren? Allerdings ist diese Bilderflut zum Thema der Weiberlisten auch eine Ouvertüre zum Höhepunkt der Hexenverfolgungen (ab 1550), einem ganz dunklen Kapitel europäischer Geschichte. Was für manchen Künstler Gelegenheit zu einem süffisanten Bild oder zur Darstellung des Geschlechterkampfs war, hat möglicherweise zur hysterischen Atmosphäre der Zeit beigetragen.