Wenig engelhafte Engel

Dürers Holzschnitte zur Apokalypse visualisieren in weiten Teilen einen Krieg der Engel gegen eine von apokalyptischen Tieren und sonstigen Bösewichten verführte Menschheit.

 

Mal schlagen diese Engel mit dem Schwert drein, mal geben sie mit Posaunenfanfaren das Signal zu kosmischen Katastrophen.

 

Die Engel des Nürnberger Meisters sind eine genauere Betrachtung wert: Sie haben nichts Engelhaftes an sich.

 

Sieht man etwa den Engel mit dem Mühlstein (unten rechts), dessen Gesicht von Wut verzehrt ist, könnte man meinen, eine aus dem finsteren Mittelalter stammende Version dieser geflügelten Wesen vor sich zu haben – bevor sie zu lieblichen, sanften Schutzengeln domestiziert wurden.

 

 

Ein Blick auf Engel des gotischen Malers Stephan Lochner (oben links, Detail aus seiner Madonna im Rosenhag) macht aber deutlich, dass das Mittelalter nicht so düster war, wie man gemeinhin denkt und dass diese Epoche einen geradezu lieblichen Engeltyp hervorgebracht hat.

 

Dürer gestaltet seine Engel im Gegensatz dazu wie Wesen aus einer barbarischen Vorzeit. Anatomisch orientiert er sich allerdings an der italienischen Renaissance, macht also in den Proportionen einen Schritt nach vorn. Vom Ausdruck her scheint es aber ein Schritt zurück zu sein, ein Absinken in ein roheres Zeitalter.

 

 

In Wirklichkeit ist es natürlich auch im Ausdruck ein Schritt nach vorn, denn diese expressiv zur Schau gestellte Wut und Wildheit in den Engelsgesichtern stand der Gotik noch nicht zu Gebot. Der junge Dürer – als er seine Apokalypse schafft, ist er 25 – hat den Mut zur Hässlichkeit.

 

Die rustikale Holzschnitttechnik, die er zu dieser Zeit auch noch recht grob handhabt, tut ein Übriges. In seinen gleichzeitig geschaffenen Kupferstichen ist er viel gemäßigter. Und auch den Holzschnitt lenkt er nach 1500 in ein sehr viel ruhigeres Fahrwasser. Das aber aus der heutigen Sicht auch ein wenig langweilig wirkt.

 

Deshalb denkt man, wenn man von Dürers Holzschnitten redet, vor allem an die
Apokalyptischen Reiter, nicht an seine späteren, ausgefeilteren, aber auch glatteren Holzschnitte, wie etwa sein Marienleben.

 

Dem aufreizenden Inhalt der Offenbarung des Johannes werden diese furienhaften Engel natürlich sehr gerecht. Engel sind laut den alten religiösen Schriften eigentlich ohnehin keine blondgelockten, sanften Frauen, wie man sie sich heute vorstellt und als schmückende Figuren an den Weihnachtsbaum hängt, sondern vielmehr männlich: Der Erzengel Michael ist keine Michaela. Aber erst den herben Engelsfiguren dieser Holzschnittfolge traut man wahrhaft die Aufgabe zu, die Menschheit erbarmungslos zu dezimieren.

 

 

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