Wind- und Würgeengel

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Auf den ersten fünf Blättern der Apokalypse (Titelblatt nicht mitgerechnet) fällt den Engeln nur eine gelegentliche Statistenrolle zu. Maßgeblich greifen sie auf dem 6. Blatt in das Geschehen ein: Es sind vier Windengel, die die vier Winde (den Nord-, Süd-, Ost- und Westwind) im Zaum halten sollen. Sie bilden kompositorisch einen wuchtigen Block.

 

Ins Auge fällt vor allem der Engel in der Mittelachse des Bildes, der sich bemüht, einen etwas gezierten, italienischen Kontrapost einzunehmen. Eine für den jungen Dürer typischere, „holzgeschnitzte“ Figur (wie sich Goethe auszudrücken pflegte) ist der Engel vorne links.

 

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Blatt 7 ist eine Kompilation der ersten Posaunen, mit deren Erklingen das Unheil über die Menschen kommt. Der Künstler rafft hier die Geschichte, um die Katastrophen nicht in kleinen Happen, Posaune für Posaune, verabreichen zu müssen und damit Langeweile zu erzeugen.

 

Was in der Apokalypse nacheinander passiert, geschieht auf Dürers Holzschnitt gleichzeitig: Schiffskatastrophen ereignen sich, ein feuerspeiender Berg wird ins Meer geworfen, der Stern Wermut fällt in einen Brunnen (und macht das Wasser bitter), ein Adler stößt das dreifache Wehe aus, Feuer und Hagel kommt vom Himmel

 

Die Hagelkörner entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als die Heuschrecken, die in der Bibel ausführlich beschrieben werden (gleich Rossen, mit gekrönten Menschenköpfen) und die Dürer hier aber gleichsam en miniature und en passant abhandelt. Grafisch von rustikalem Reiz ist vor allem der Engel neben der Sonne, der mit hochgezogenen Schultern verdrossen seine Posaune bläst.

 

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Blatt 8 bietet im oberen Bereich eine recht dürftige Szene. Gottvater sieht etwas verloren zwischen den beiden konventionell und unbeholfen gestalteten Engeln aus und vom riesigen Heer auf den löwenköpfigen Rossen sieht man nur eine kleine Vorhut.

 

Alles Bedeutsame ist in die untere Bildhälfte gesackt: Hier erschlagen vier Würgeengel, die lt. Bibel bislang „an den Euphrat gebunden waren und nun losgekommen sind“ (was man sich darunter auch immer vorstellen soll) ein Drittel der Menschheit.

 

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Die Engel bilden einen Block, eine Art V, dessen Spitze die Standfläche des vordersten Engels ist.

 

Die Lücken zwischen den vier Engeln sind mit den Opfern vollgestopft – ein erbarmungsloses Gemetzel.

 

Interessant ist, dass rechts unten ein Papst (gelb markiert) erschlagen wird. Zwanzig Jahre vor der Reformation!

 

Allerdings ist dies schon in der Kölner Bibel von 1478/79 zu sehen, deren Holzschnitte Dürer trotz ihrer künstlerischen Dürftigkeit zu manchen seiner Kompositionen inspirierten.

 

Kritik am Klerus wurde also lange vor Luther geübt.

 

Blatt 9 ist das bizarrste Bild der Dürerschen Apokalypse. In der Bildmitte steht der so genannte Starke Engel, der – ohne Flügel und quasi körperlos – gar nicht als solcher zu erkennen ist. Er ist, wie es im Text heißt, mit einer Wolke bekleidet, seine Füße (bzw. Beine) sind wie Feuerpfeiler. Er steht auf dem Meer und auf der Erde, eine Hand zum Schwur erhoben.

 

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Was die Szene so bizarr wirken lässt: Der Künstler setzt den vermutlich eher symbolisch gemeinten Text der Bibel ganz wortwörtlich um – nach dem Vorbild der besagten Kölner Bibel. Dort ist die Figur mit der Wolke bekleidet wie mit einem gemusterten Pullover und die Säulen haben sogar Füße. Diese lässt Dürer zum Glück weg und gestaltet auch die einkleidende Wolke luftiger.

 

Der Blick des Engels geht ins Leere, was dem Antlitz eine Distanz verleiht, die einer solch mythologischen Figur zukommt. Zwei Schwäne und ein als Fabeltier gestalteter Delphin lassen sich von der Vision nicht beeindrucken. Vielleicht ist sie nur für Johannes sichtbar.

 

Der Autor der Apokalypse hat sich unter dem Buch, das Johannes verspeisen muss, vermutlich eine antike Schriftrolle vorgestellt. Johannes isst lt. Text also eigentlich ein langes Stück Papier – wie ein Spion, der ein geheimes Dokument hinunterschluckt –, kein gebundenes Buch wie auf diesem Bild, was die Szene noch skurriler macht.

 

Der Baum rechts mit seinem verdrehten Stamm ist zwar nur unwichtiger Hintergrund, aber von großem grafischen Reiz. (Seite 3 von 3)

 

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