Witziges Weltende

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Blatt 12 (wir überspringen in dieser Betrachtung zwei Blätter) zeigt eine unfreiwillig komische Szene in der oberen Bildhälfte, während sich unten (siehe die hochaufgelöste Datei) ein düsteres Geschehen abspielt: Dort lassen sich zwei apokalyptische Bestien von einer Menschenmenge huldigen. Oben thront ein sehr mürrischer Gottvater mit einer drückenden Krone auf dem Kopf. Herrschen kann eine einsame Tätigkeit sein.

 

Ganzes Bild als hochaufgelöste Datei:

 

HOCHAUFGELÖST

 

Wieso eigentlich Gottvater? Der Text lautet: „… einen, der gleich war eines Menschen Sohne …“ Dies ist in der Regel ein Hinweis auf Christus. Die Figur entspricht jedoch der gängigen Darstellung von Gottvater.

 

In der Hand hält er eine schmale Sichel für die finale Ernte auf der Erde, sehr unpassend zur kostbaren Kleidung. Ein Bauer im Kaisergewand. Die Huldigung, die ihm von links dargebracht wird, macht seine Situation nicht besser, denn der huldigende Engel ist eine süßlich geratene Figur.

 

Ein etwas hässlicher Putto ahmt die Haltung des Engels nach, was die Szene endgültig zur Komödie werden lässt. Aber auch dies macht den Reiz von Dürers Apokalypse aus: das Nebeneinander von Größe und Kitsch.

 

Seltsam übrigens, dass Dürer hier neben drei erwachsenen Engeln einen vereinzelten Putto auftreten lässt.

 

Vielleicht soll es kein Putto sein, sondern des Sonnenweibes Kind, das auf Blatt 10 zum Himmel erhoben wurde. Es hat einen verblüffend ähnlichen Kopf, aber keine Flügel. Die wären ihm also zwischenzeitlich gewachsen, damit es sich in luftiger Höhe halten kann.

 

Blatt 15, das letzte Blatt, bietet das freudloseste Happy-End, das sich denken lässt. Mit geducktem Kopf betrachtet Johannes mürrisch das himmlische Jerusalem. Bei der Mimik und Gestik des Engels, der ihm den Weg weist, könnte man sich vorstellen, dass er zu Johannes sagt: „Da geht’s lang, Freundchen.“

 

HOCHAUFGELÖST

 

Das himmlische Jerusalem ist eine ganz gewöhnliche Stadt des 15. Jh. Von wegen Mauern aus Jaspis und Tore aus Perlen, wie es im Text heißt. Ein Häusermeer erschien Dürer ausreichend, um eine wohlhabende – und das war für die damaligen Menschen wohl „himmlisch“ genug – Stadt darzustellen. An den Stadttoren warten Engel (z. T. sehr klein, kaum zu erkennen) auf die Seligen. Dass keine über die Brücken zur Stadt eilen, macht die Stimmung nicht besser. Auch nicht, dass ausgerechnet ein verkrüppelter Baum seine entlaubten Äste in Richtung der Stadt reckt.

 

Erstaunlich, dass Dürers spröde Inszenierung trotzdem zum Vorbild für viele spätere Apokalypsedarstellungen wurde. Selbst in einem pompösen Holzstich zur Bibel von Gustav Doré (19. Jh) kann man Dürers Komposition noch wiedererkennen.

 

 

Im Vordergrund wird Dürers Schlussbild vollends irrwitzig: Mitten auf dem freien Feld klappt eine Art verschließbarer Gullydeckel wie die Klappe eines Mülleimers auf: Der Zugang zum Höllenabgrund. Hier wird das Böse kurzerhand entsorgt. Ein verdrießlich wirkender Engel übernimmt diese Aufgabe. Seine Mimik soll wohl streng wirken, sieht aber eher nach geschwollenen Augenlidern aus.

 

Der Gully auf freiem Feld und die entzündeten Lider des Engels haben schon zu damaliger Zeit irritiert.

 

Auf einer Kopie des Holzschnitts, geschaffen für Luthers Septembertestament, versucht es ein Künstler aus Lukas Cranachs Werkstatt besser zu machen: indem er die Fläche um den Gully herum pflastert (damit er nicht mehr ganz so sehr ein Fremdkörper in der Umgebung ist) und dem Engel ein glattes Gesicht verpasst. Natürlich kann diese wenig talentierte Arbeit neben Dürers Bild trotzdem nicht bestehen.

 

Im Text der Apokalypse heißt es: „Und ich sahe einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund (…) Und er griff den Drachen, die alte Schlange (…) und warf ihn in den Abgrund …“

 

Was in dem antiken Text wie ein kosmisches Drama klingt, wird auf Dürers Darstellung zur Provinzposse: Ein bisschen komisch ist es schon, wenn der Engel wie eine brave Nürnberger Hausfrau einen Schlüsselbund zum Zeichen seiner Schlüsselgewalt mit sich führt.

 

Dieses Schlussbild gehört wahrlich nicht zu den inspiriertesten Blättern der Folge: Der typisch spätgotische Faltenwurf, der auf vielen Bildern Dürers so fasziniert – hier gelingt er nur mittelprächtig.

 

Denn der Ärmel wirkt irgendwie leer, als ob gar kein Arm darinnen steckt. Diese Gefahr ist natürlich immer gegeben, wenn ein Künstler obsessiv aus der Phantasie Knickfalte an Knickfalte reiht, ohne vorher einen realistischen Faltenwurf studiert zu haben.

 

Freilich zeigen die Gewandfalten weiter unten, wo das Tuch von der Hand gerafft wird, und zwischen Arm und Schlüssel, den ganzen Zauber von Dürers verschlungenen Faltenwürfen.

 

Die besten Figur des Holzschnitts ist der groteske Teufel, der in den Abgrund hinab muss, um seine 1000jährige Haftstrafe zu verbüßen.

 

Noch kannte die Welt nicht den nach dem Vorbild eines Satyrs gestalteten Teufels als gehörnten Menschen mit Bocksbeinen.

 

 

Bei Teufelsdarstellungen ließ Dürer seiner Phantasie freien Lauf. Hier wollte er offensichtlich einen besonders abscheulichen, angsteinflößenden Teufel schaffen, einen wahren Höllenbub mit schuppigem Leib, monströsem Tierkopf, glotzend aufgerissenen Augen und verschrumpelten Brüsten.

 

Angsteinflößend ist dieser Teufel dennoch sicher nicht geraten. Eher witzig.

 

Von dem Aufrührer Satan, wie ihn etwa 150 Jahre später John Milton in seinem Verlorenen Paradies schilderte und der in einer noch späteren Epoche, in der Romantik, als edler Rebell verklärt wurde, ist Dürers Teufel Lichtjahre entfernt.

 

Ebenso weit entfernt von Dantes Luzifer aus der Göttlichen Komödie (knapp 200 Jahre vor den Apokalypse-Holzschnitten geschaffen), der riesengroß mit dem Oberkörper aus einer zugefrorenen Hölle ragt.

 

Hier abgebildet auf einem Holzstich aus dem 19. Jh., von Gustave Doré (Ausschnitt):

 

 

Das ist doch mal ein beeindruckender Repräsentant des Bösen! Mit Blick auf Dürers groteske Figur möchte man dagegen fragen: „Und dieser Lümmel hat den ganzen Aufruhr verursacht?“

 

Nach dem Feuerwerk der anderen Blätter ist das Schlussbild ein bisschen wie ein Rohrkrepierer. Trotzdem würde man sich für Dürers Bilderfolge gar keinen anderen Schluss wünschen, denn in mancherlei Hinsicht knüpft das Blatt an die Komik des Vorsatzblattes an, auf dem Johannes im Kessel wie ein Braten emsig mit Bratfett übergossen wird, während biedere Nürnberger Bürger zuschauen und vor Langeweile, weil die Folter nichts bewirkt, ihre Köpfe aufstützen. Dürers Folge beginnt und endet als Posse, ein seltsamer aber reizvoller Rahmen für das visionäre Werk.